Die Alp Lüsga befindet sich seit Jahrhunderten im Gemeinschaftsbesitz der Burgerschaft Naters. Familien vom Natischer Berg hatten das Recht, hier ihr Vieh zu sömmern. Meist waren es die Frauen, die zusammen mit ihren Kindern die Kühe in den privaten Alphütten versorgten und Käse für den Eigenbedarf herstellten.
«Als ich ein Junge war, hütete ich die Kühe auf der Lüsga. Manchmal mussten wir hoch bis unter den Unterbächgletscher auf über 2500 m. Und wenn es Nebel hatte, waren wir froh, dass die Kühe Glocken trugen, sonst hätten wir sie wohl nicht gefunden.»
Zu Beginn des 20. Jahrhunderts wurde eine Genossenschaftssennerei gegründet, in der ein Senn die Milch gemeinschaftlich zu Käse, Butter und Ziger verarbeitete. Der Käse wurde während der Alpsaison zweimal entsprechend der von den Kühen gelieferten Milchmenge an die Besitzerfamilien verteilt.
Bis zu Beginn des 20. Jahrhunderts bildeten Alp- und Landwirtschaft die wichtigsten Erwerbszweige der Oberwalliser Bevölkerung. Die Selbstversorgung blieb lange stark ausgeprägt, und Milchprodukte wie Alpkäse gehörten zu den wichtigsten Grundnahrungsmitteln.
Im Laufe des 20. Jahrhunderts hielten jedoch immer weniger Familien Milchkühe. Ende der 1970er-Jahre wurde die Sennerei auf der Lüsga aufgegeben, da es in der Region nicht mehr genügend Milchvieh gab und es sich nicht mehr lohnte, zwei separate Sennereien auf der Belalp zu betreiben.
Mit der Mechanisierung der Landwirtschaft und dem gesellschaftlichen Wandel ging die Alpkäseproduktion zunehmend zurück. Die Milch wurde vermehrt im Tal verarbeitet, und viele Alpen stellten von der Milch- und Käseproduktion auf die Sömmerung von Galtvieh um.
«Heute werden auf der Alp Lüsga nur noch Eringerkühe gesömmert.»
Auch auf der Alp Lüsga wird heute nur noch Galtvieh gehalten. Im Jahr 2025 waren es 118 Tiere, überwiegend Eringer, die privaten Besitzerinnen und Besitzern aus der Region gehören. Die Alp selbst befindet sich nach wie vor im Eigentum der Burgerschaft Naters.
Die Eringerkuh ist für ihr ausgeprägtes natürliches Rangverhalten bekannt. Auf den Alpen tragen die Tiere untereinander Rangkämpfe aus und bestimmen so die ranghöchste Kuh der Herde – die «Königin». Aus diesem Verhalten entwickelten sich die traditionellen Walliser «Kämpfe der Königinnen».
In der Region Naters setzen heute viele Bauern im Nebenerwerb auf Eringer-Galtvieh, also auf Tiere, die nicht zur Milchproduktion gehalten werden. Die Haltung von Galtvieh ist weniger arbeitsintensiv als die Milchviehwirtschaft, da das tägliche Melken entfällt.
Am Ende der Alpsaison, jeweils Ende September, holen die Besitzerinnen und Besitzer ihre Eringer von der Alp zurück ins Tal. Für die gemeinsame Alpabfahrt werden die Tiere mit Blumen, Tannenzweigen und Glocken geschmückt. Angeführt wird der Umzug von der «Königin», der ranghöchsten Kuh der Herde. Die Besitzer der Siegerkuh erhalten eine Kuhglocke als Trophäe.
Im Val d’Hérens hat die Alpabfahrt, auf Französisch «Désalpe», eine lange Tradition. Im Laufe des 20. Jahrhunderts entwickelte sie sich zunehmend zu einem öffentlichen Fest. Mit dem Aufschwung des Tourismus gewannen geschmückte Kühe, Trachten, Musik, Umzüge und Vorführungen an Bedeutung. Heute dienen Désalpe-Feste auch dazu, das kulturelle Erbe des Tals zu präsentieren und Besucherinnen und Besucher anzuziehen.
Die Alpabfahrt der Eringer auf der Belalp wurde erst vor wenigen Jahren auf Initiative von Blatten-Belalp Tourismus als öffentliche Festveranstaltung ins Leben gerufen. Seither zieht sie jedes Jahr zahlreiche Besucherinnen und Besucher nach Blatten. Sie verbindet gelebte Alpwirtschaft mit Walliser Brauchtum und trägt damit zur Entstehung einer neuen Tradition bei.