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Alpsaison - ein lebendiges Kulturerbe

Mit dem Vieh auf dem Weg auf die Alp. Foto: Familie Jossen
Mit dem Vieh auf dem Weg auf die Alp. Foto: Familie Jossen

Die Alpsaison bezeichnet die Sommermonate, in denen das Vieh zum Sömmern auf hochgelegene Alpweiden getrieben wird, um dort das frische Gras zu nutzen und die Milch zu Käse zu verarbeiten. Die Alpwirtschaft entstand ursprünglich zur Erweiterung der Futterbasis. Während die Tiere auf der Alp grasten, konnte das Gras im Tal zu Heu für die Winterfütterung geerntet werden.

«Das Sömmerungsgebiet in der Schweiz entspricht etwa 11 % der Landesfläche oder einem Drittel der landwirtschaftlichen Nutzfläche. Rund 700’000 Tiere, darunter Rinder, Schafe, Ziegen, Pferde und Schweine, nutzen dieses natürliche Grasland während der Sommermonate.» Schweizerischer Alpwirtschaftlicher Verband

Schweizerischer Alpwirtschaftlicher Verband

Die rund 6’600 bestehenden Alpbetriebe stellen jährlich insgesamt etwa 5’500 Tonnen Käse her. Die Bewirtschaftung der Sömmerungsgebiete (Alpwirtschaft) hat eine grosse Bedeutung für die Pflege und den Erhalt der alpinen Kulturlandschaft sowie der Biodiversität. Seit 2023 ist die Alpsaison eine von sieben Schweizer Traditionen, die Teil des immateriellen Kulturerbes der UNESCO sind.

Käsekeller der Sennerei der Alpgenossenschaft auf der Belalp.
Käsekeller der Sennerei der Alpgenossenschaft auf der Belalp.

Alpwirtschaft - Vielfältige Erscheinungsformen

Die Alpsaison gestaltet sich in der Schweiz regional sehr unterschiedlich. Die Alpbetriebe weisen verschiedene Eigentums- und Betriebsformen auf. Neben privat bewirtschafteten Alpen existieren vielfältige kollektive Besitzformen. Im Oberwallis sind die Alpweiden meist im Gemeinbesitz von Burgerschaften und Alpgeteilschaften.

«Seitdem ich mich erinnern kann, war ich im Sommer mit meiner Mutter auf der Alp. Schon als kleiner Bub musste ich melken, die Kühe holen oder den Stall putzen. Jeden Tag mussten wir in den unteren Alpmatten frisches Gras und Blacken schneiden, damit wir beim Melken frisches Futter für die Kühe hatten.»

Medard Jossen

Dabei sind zwei Betriebsformen üblich: die Einzel- oder die Gemeinschaftsalpung. Die ursprüngliche Form des Alpbetriebs ist die Einzelalpung, bei der jede Familie selbst für die Versorgung des Viehs und die Verarbeitung der Milch verantwortlich ist, die Einzelsennerei. Jede Familie besitzt dabei ihre eigene Alphütte und stellt Käse für den Eigengebrauch her. Die Alpweiden hingegen sind in Gemeinschaftsbesitz.

Die beiden Stafel der Alpe Bäll auf der Belalp 1992. Foto: ETH-Bibliothek Zürich, Bildarchiv
Die beiden Stafel der Alpe Bäll auf der Belalp 1992. Foto: ETH-Bibliothek Zürich, Bildarchiv

Daneben gibt es die Gemeinschaftsalpung «Senntum», bei der das Vieh nach dem Alpauftrieb zu einer Herde vereinigt wird und die Verantwortung für das Vieh sowie die Verarbeitung der Milch dem angestellten Alppersonal übertragen werden. Auf den Senntumsalpen waren meist männliche Sennen angestellt, die die Milch in einer Gemeinschaftssennerei verarbeiteten. Der Käse wurde je nach Milchertrag der Kühe an die Viehbesitzer verteilt.

Auf der Alp Lüsga sind Prosper Eyer mit der «Tschiffra» und sein Sohn Gottfried
bereit für die Alpabfahrt. Foto: Biffiger
Auf der Alp Lüsga sind Prosper Eyer mit der «Tschiffra» und sein Sohn Gottfried bereit für die Alpabfahrt. Foto: Biffiger

Frauen und die Alpsaison

Auf den Alpen in der Region Naters war die Alpsaison seit jeher vor allem Frauensache. Während die Männer und älteren Kinder weiter unten am Berg langsam bergaufwärts das Heu ernteten und die Wiesen, Äcker und Gärten bewässern mussten, verbrachten die Frauen und jüngeren Kinder den Sommer in den Alphütten auf der Alp. Neben Milchkühen wurden dort auch Schweine und Hühner gehalten. Die Schafe und Ziegen wurden ins Hochgebirge getrieben

«Als Kind habe ich auf der Alp meiner Mutter geholfen und die Ziegen gehütet. Mit 14 musste ich auf der Voralpe selber käsen und buttern. Später habe ich drei Sommer lang auf der Alp Brischeru die Kühe versorgt, jeden Tag selber gemolken und Käse und Butter gemacht, während mein Mann die unteren Güter besorgte und Schicht arbeitete. Das war sehr streng, da die Kinder noch klein waren.»

Olga Jeitziner

Jeden Morgen wurden die Kühe gemolken und auf die Alpweiden getrieben. Die Frauen verarbeiteten die Milch entweder eigenhändig zu Käse und Butter für den Eigengebrauch oder brachten sie in die Alpsennerei, wo meist männliche Sennen angestellt waren. Auch der dort hergestellte Käse diente vorwiegend dem Eigengebrauch der Familien und wurde am Ende der Alpsaison entsprechend der Milchmenge verteilt. Die Kinder halfen beim Melken und bei der Stallarbeit. Am späteren Nachmittag mussten sie die Kühe aus Höhen von bis zu 2’500 m holen, um sie erneut zu melken und über Nacht einzustallen.

Herausforderungen für die Alpwirtschaft

Die Alpwirtschaft hat in der Schweiz eine grosse Bedeutung für die Pflege und den Erhalt der alpinen Kulturlandschaft. Heute wird jedoch nur noch auf rund einem Drittel der Schweizer Alpen Käse produziert. Vielerorts ist die Zukunft der Alpweiden jedoch unklar. Die Alpwirtschaft in der Schweiz steht heute unter einem ganzen Bündel von Druckfaktoren – ökologisch, wirtschaftlich und gesellschaftlich. Im Kanton Wallis zeigen sich viele dieser Probleme besonders deutlich, teilweise verschärft durch die topografischen und klimatischen Bedingungen.

Alp Brischeru am Ende der Alpsasion im September 2025.
Alp Brischeru am Ende der Alpsasion im September 2025.

Die grösste langfristige Herausforderung ist der Klimawandel mit zunehmender Hitze, Trockenperioden und Starkniederschlägen, die das Graswachstum und die Bewirtschaftung beeinflussen. Gleichzeitig führt die Aufgabe von Flächen vielerorts zu Verbuschung und Wiederbewaldung. Die Alpwirtschaft ist zudem arbeitsintensiv und oft wenig rentabel, während es zunehmend schwieriger wird, qualifiziertes Personal zu finden. Auch die Rückkehr der Grossraubtiere erhöht durch notwendige Herdenschutzmassnahmen den Arbeitsaufwand und die Kosten.