Der Stadel und der Speicher sehen sich oft zum Verwechseln ähnlich, erfüllen jedoch unterschiedliche Funktionen. Schon von aussen lassen sich die beiden Gebäudetypen unterscheiden. Der Stadel ist ein grosses, luftiges Holzgebäude mit einem breiten Tor. Die offene Holzkonstruktion sorgte dafür, dass die Ernte gut trocknen konnte. Im «Stadul» wurde der geschnittene Roggen gelagert und verarbeitet. Im Innern befand sich das Tenn, wo das Getreide mit Dreschflegeln gedroschen wurde, um die Körner aus den Ähren zu lösen.
«Wenn meine Brüder weg waren, musste ich mit dem Dreschflegel dreschen. Das habe ich gar nicht gerne gemacht.»
Der Stadel wurde meist von mehreren Familien gemeinsam genutzt. Der Innenraum war in verschiedene Bereiche unterteilt. Diese Abteile oder «Schroote» gehörten einzelnen Familien, die darin ihr Getreide lagerten. Wegen seiner Grösse und der Brandgefahr stand der Stadel häufig etwas ausserhalb der dicht bebauten Wohnzone oder nahe den Roggenfeldern.
Bis in die 1960er-Jahre wurde auf den Äckern rund um Blatten Roggen angebaut. Aufgrund des rauen Klimas und der Höhenlage eignete er sich besser für den Anbau als viele andere Getreidearten. Die Ernte erfolgte im Juli oder August. Mit der Sichel wurden die Halme von Hand geschnitten und zu Garben gebunden. In grossen Leinen- oder Tragtüchern wurden die Garben auf dem Rücken zum Stadel getragen.
Dort wurde das Getreide getrocknet und bis zum Herbst gelagert. Im November wurde der Roggen mit dem Dreschflegel gedroschen. Anschliessend wurde das Korn in der Mühle zu Mehl gemahlen. Aus dem Roggen entstand das haltbare traditionelle Roggenbrot, das für viele Familien ein wichtiger Vorrat für den Winter war.
An verschiedenen Orten im Oberwallis wird heute wieder Roggen angebaut, unter anderem in Erschmatt. Dort setzt sich der Verein Erlebniswelt Roggen für den Erhalt und die Weitergabe des Natur- und Kulturerbes rund um den Roggen ein. Heute baut der Verein auf historischen Ackerterrassen mit insgesamt rund einer Hektare Fläche Winterroggen an und erhält zugleich alte Walliser Sorten im Sortengarten. Das gemeinschaftliche Backen von Roggenbrot wird im Wallis in rund 45 Ortschaften zwischen Oberwald und Trient gepflegt.